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21-07-2019

2003: Laterna Magica: Ich seh Dir in die Augen... Liebe schwarz/weiß

von Gabriele Czerny und Gudrun Marci-Boehnke

Pressestimme LKZ:

Wenn Kino Wirklichkeit wäre…

Zwei Theaterabende an der Pädagogischen Hochschule

Studierende des Erweiterungsfaches Spiel- und Theaterpädagogik an der PH Ludwigsburg und Hauptschüler einer achten Klasse der Mörike-Hauptschule Backnang hatten lange Zeit – insgesamt fast ein Jahr lang – an dieser Aufführung gearbeitet. Letzte Woche kam das Stück dann auf die zweimal ausverkaufte Bühne der PH: „Laterna Magica: Liebe schwarz-weiß. Ich seh´ dir in die Augen, Kleines!".

Die Szenenfolge – aufgeführt von insgesamt fast 60 älteren und jüngeren Akteuren - folgte einem einfachen Konzept: Szenen aus legendären Filmen – Kino-Mythen wie „Der Blaue Engel", „Der Untertan", „Kinder des Olymp" und „Casablanca" - dienten als Spielanlässe für Theaterszenen, in denen die Inhalte und emotionalen Gewalten der Leinwandmythen an der eigenen Seele und am eigenen Körper erprobt und erfahren und an der eigenen Realität von Jugendlichen und Studierenden gemessen wurden.

Nehmen wir z.B. die berühmte Abschiedsszene aus „Casablanca" mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann: Der Filmheld Nick verzichtet freiwillig und heldenmütig auf seine Geliebte, um ihr das Glück mit einem anderen Mann zu ermöglichen. Diese Szene, die schon Millionen glücklich oder unglücklich verliebte Kinobesucher zu Tränen gerührt hat, folgt einer mythischen Struktur, die tief in der europäischen Kultur wurzelt und in unzähligen Varianten literarisch und künstlerisch realisiert wurde, bevor sie ins Kino kam. Wie lässt sie sich weiter variieren? Wie etwa sähe sie in der Rock-and-Roll-Ära aus, wie in der Hippie-Ära, wie unter Punks oder in der Generation der Love-Parade?

Pädagogik-Studenten und Hauptschüler setzten diese Fragen praktisch um und holten damit die auf die Leinwand entrückten Szenen zurück in die Realität – in ihre altersgemäße und in unsere gemeinsame kulturelle/gesellschaftliche Realität. In einer Schulklasse, deren Schüler aus vielen verschiedenen Völkern und Kulturen stammen, die aber in derselben Kino- und TV-Kultur aufgewachsen sind, kann etwa folgendes theatralisches Experiment ungeheuer spannend sein: In wie vielen Sprachen, Formulierungsvarianten und Tonfällen kann man sagen: „Ich liebe dich"?

Genau das fand auf der Bühne statt. Das war z.T. wunderbar poetisch gespielt und getanzt, z.T. hart und aggressiv, z.T. herrlich komisch. Die ganze Szenenfolge wurde untermalt von der professionell qualitätvollen Musik einer Jazzcombo, hinzu kamen eingeblendete Film- und selbstgedrehte Videosequenzen, in denen immer neue Varianten der Mythenspiegelung entfaltet wurden. Weitere Ebenen waren der Tanz und die Pantomime, der klassische Gesang und die Rezitation, die Verkleidung, Maskierung und Verfremdung, die Parodie und die Provokation, die beschleunigte und die verlangsamte Zeit, die großen und die kleinen Gefühle, der Ernst und der Spaß.

Immer jedoch dominierte die Sprache der Gesichter, der Körper und der Bilder – ein programmatisches theatralisches und theaterpädagogisches Konzept, das nicht von der Führungsrolle der Sprache ausgeht, sondern von der Grundidee der „Verkörperung". Ebenso programmatisch die Idee, ein integriertes Studienprojekt durchzuführen, das in einem Seminar zur Analyse historischer Filme beginnt, mit dem Schreiben und Inszenieren eines Theaterstückes weitergeht und bis zur theaterpädagogischen Arbeit mit Hauptschülern und zu einer gemeinsamen Aufführung fortschreitet – praxisbezogenes und schulbezogenes Studium im besten Sinn. Und für die Jugendlichen? Wohl ein großes und für das eigene Selbstbewusstsein förderliches Erlebnis.

Hubert Sowa

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