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Jeden Monat stellt die STUBE, Studien- und Beratungsstelle für Kinder-und Jugendliteratur (Wien), ein besonderes Kinder- und Jugendbuch aus der aktuellen Produktion vor.

Kröte im Juli 2020 


The Ballad of Songbirds and Snakes.
A Hunger Games Novel, Oetinger 2020


Suzanne Collins: Die Tribute von Panem.
Das Lied von Vogel und Schlange

Das Faustrecht der Prärie: John Ford macht es 1946 zum Handlungsmovens eines Film-Westerns, in dem Wyatt Earp sich rechtschaffen gegen den Outlaw Billy Clanton stellt. Der Original-titel des Films ist einer Western Folk Ballade entlehnt, die auch zum Titelsong wird: „Oh My Darling Clementine“. Von einer nicht eben strahlend schönen Tochter eines Minenarbeiters ist darin die Rede. Sie ertrinkt und kann vom Geliebten nicht gerettet werden: But alas, I was no swimmer / So I lost my Clementine. Von dreadful sorrow auf Seiten des männlichen, lyrischen Ich ist hier die Rede und dennoch: Bedauert dieses Ich wirklich, die Geliebte verloren zu haben? Oder ist Clementine eine tragische Figur, die seinen Weg kreuzt, während seine Augen bereits auf die Zukunft gerichtet sind?
Mit dieser Lesart weist das Lied auf das Schicksal seiner Perfor-merin Lucy Gray voraus, wenn es in Suzanne Collins neuem Roman zitiert wird – und damit zum Teil eines in den Roman eingeschriebenen Soundtracks wird, mit dessen Hilfe die beiden Hauptfiguren, deren Biografien und deren Beziehung zueinander weitererzählt werden.
Aufgerufen wird mit dem Song auch die Grund-Stimmung von John Fords Western, an dessen Ende ein genrespezifisches Shooting steht. Von der Moral Wyatt Earps jedoch ist wenig geblieben, wenn hier in einem Schuppen hinter dem Hob/dem Hof in Distrikt 12 jemand erschossen und in einem anderen Schuppen (an einem See) die Tat-Waffen gefunden werden. Denn in „Das Lied von Vogel und Schlange“/„The Ballad of Songbirds and Snakes“ entspringt das Shooting nicht dem Kampf um das Gesetz, nicht dem Kampf um Recht und Rechtmäßigkeit; hier entspringt es dem gleichermaßen intuitiven wie präzise durchdachten Handeln eines jungen Mannes, der ausschließlich seine eigenen Interessen wahren will. Koste es, was es wolle und getreu dem Motto: Snow lands on top.

Mit der Leichtigkeit einer Schneeflocke gelingt es Coriolanus Snow, sich aus jeder noch so prekären Situation herauszuwinden. Schlangengleich. Bereits Katniss Everdeen hat aus ihrer Ich-Perspektive stets auf dieses teuflische Moment verwiesen und von Präsident Snow „Schlangenaugen“ gesprochen. Nun ist Snow selbst der Ich-Erzähler eines Prequels zu jener Trilogie, die im deutschsprachigen Raum unter dem Titel „Die Tribute von Panem“ zur breitenwirksamen Etablierung der Dystopie in der Jugend-
literatur geführt hat. Die Literaturwissenschaft hat darauf mit einer definitorischen und analytischen Neu-Verortung von Texten reagiert, die in die Zukunft erzählen. Die Publikation, die diesen Diskurs final aufbereitet, ist dieser Tage unter dem Titel >>>„The match that lights the fire“. Gesellschaft und Geschlecht in Future Fiction für Jugendliche“ im Chronos Verlag erschienen. Erste Vorüberlegungen dazu hat Autorin Manuela Kalbermatten bereits 2015 im Rahmen des STUBE-Freitags mit dem Titel >>>„Das Spiel ist aus“ präsentiert.

Der Wilde Westen also. Oder im Sinne Panems: Die Wildnis des Westens. Ihr entstammt Katniss Everdeen, als sie als Tribut ins „zivilisierte“ Kapitol gebracht und dort umgestylt wird, um erneut in eine Wildnis geschickt zu werden – jene der Arena. Denn die Hungerspiele, die „Hunger Games“ (so der Originaltitel des ersten Teils der Trilogie) basieren auf der Überzeugung des Kapitols, dass die Bewohner_innen der Distrikte nicht nur allesamt Wilde sind, sondern als solche auch diszipliniert werden müssen. Um sich nicht erneut gegen das Kapitol zu wenden – so wie in jener Rebellion, die mit zur Belagerung des Kapitols und einem erbitterten Krieg geführt hat. Erinnert wird diese Zeit als Dark Days. Bis heute – und gemeint ist damit die Erzählzeit der Trilogie – zollen die Distrikte dem Kapitol dafür Tribut. Jahr für Jahr müssen ein Mädchen und ein Junge aus jedem Distrikt den Preis für die einstige Rebellion zahlen und bei den Hungerspielen solange gegeneinander antreten, bis nur ein Tribut überlebt. Am Beginn der Trilogie finden die Hungerspiele bereits zum 74. Mal statt; und Katniss Everdeen ist das weibliche Tribut aus Distrikt 12.

Das vorliegende Prequel geht zurück ins Jahr der 10. Hunger-
spiele. Das Kapitol ist noch geprägt von den Dark Days, von der Belagerung, dem Hunger und dem Krieg, der tiefe Spuren hinter-
lassen hat. Die Hungerspiele haben noch jenen bestialischen Rache-Charakter, der dem Kriegstrauma entspringt: Die Arena ist ein ehemals repräsentativer Veranstaltungsort, an dessen steinerner Geschichte sich der einstige Glanz des Kapitols und die dort herrschenden sozialen Hierarchien abzeichnen. Die Tribute werden in die Ruinen geschickt und mit Waffen ausgestattet. End of Game.
Noch sehr viel deutlicher als in der Trilogie wird dabei die Wildnis der Distrikte herausgestrichen: Das hier, nahm Coriolanus an, war ein richtiger Wald, wenn nicht gar Wildnis. Wer dieser Wildnis entstammt, hat animalischen Charakter. Die Tribute werden daher nicht wie 64 Jahre später in Luxushotels untergebracht und aufgepäppelt, bevor sie in die Arena geschickt werden. Sie werden im Zoo in einen Käfig gesperrt – ausgestellt als gefährliche Wesen, die nur unter größter Gefahr gefüttert werden können.

Der Spielcharakter dieser ursprünglichen, ausschließlich martialischen Hungerspiele bleibt begrenzt – insbesondere, weil die emotionale Beteiligung der Bevölkerung daran nicht über das Reaping/die Ernte hinausreicht. Nicht im Kapitol und schon gar nicht in den Distrikten. Also sucht man im Rahmen des zehnten Jubiläums die allgemeine „Attraktivität“ der Hungerspiele zu steigern und führt so genannte Mentor_innen ein – Schüler_innen der Elite-Akademie im Kapitol, die Begleiter_innen und Berater_
innen der Tribute sein sollen; so wie es Mentor einst für Telemachos war, den Sohn des Odysseus. (Schlag nach bei Homer …) Diese Mentor_innen dienen der Akademie aber auch als eine Art Think-Tank, denn die Spielleiterin Dr. Gaul lässt in Diskussionen und Essays darüber nachdenken, wie die Breiten-
wirkung der Spiele gesteigert werden könnte. Sie selbst trägt dazu durch die Meisterschaft der Genmanipulation bei und züchtet in ihrem Labor animale Mutationen, die in der Arena für mehr Thrill sorgen sollen.
Aus den Überlegungen der Schüler_innen entstehen Neuerungen: Die Menschen im Kapitol können nun erstmals auf die Tribute wetten; und um den eigenen Wetteinsatz abzusichern, können sie zu Sponsor_innen werden. Mit den entsprechenden Finanzmitteln wird den Tributen mit Drohnen Wasser und Brot in die Arena geschickt. (Dass diese Drohnen ihr Eigenleben haben und technisch versierte Mentor_innen und Tribute das auch zu nutzen wissen, sei hier nur im Sinne eines Teasers verraten …) Gesteigert wird mit alldem der mediale Öffentlichkeitscharakter der Spiele im Kapitol; in einer Live-Sendung werden nicht nur die Tribute, sondern auch die Mentor_innen durchgehend beobachtet. Moderator dieser neuen Show: Lucretius „Lucky“ Flickerman, der als bisheriger Wettermoderator für eine durchaus clowneske Performance sorgt.
Im Zentrum des Geschehens und vorrangiger Ideengeber für Dr. Gaul: Coriolanus Snow, der als einer der Mentoren ausgewählt wurde und sich davon Vorteile für seine persönliche Zukunft erhofft. Denn er ist zwar der Sprössling einer Elite-Familie, doch auf die finanzielle Unterstützung der Akademie und ein Stipendium für ein etwaiges Studium angewiesen. Der Grund dafür: Der Reichtum der einst luxusverwöhnten Familie Snow entstammte ihren Waffengeschäften. Der Standort ihrer Produktionsfirma war in Distrikt 13 – jenem Distrikt, der im Krieg vom Kapitol mit Atomwaffen zerstört wurde. (Und ja auch am Beginn der Trilogie noch als zerstört gilt.)
Mittlerweile ist dem verwaisten Coriolanus nur der schöne Schein geblieben. Er wohnt zwar weiterhin in der Penthouse-Wohnung, doch um zu überleben wurde so ziemlich alles verkauft, was die Familie einst besessen hat. Gemeinsam mit seiner Großmutter, die auf der Dachterrasse Rosen züchtet (und damit wohl eine spätere Obsession grundlegt …), ist er auf das Wenige ange-
wiesen, was seine Cousine als Hilfskraft einer Mode-Designerin verdient. Immerhin: Tigris schafft es, zumindest Kohlsuppe auf den Tisch zu bringen und aus alten Stücken ein halbwegs reprä-
sentables Outfit für die besonderen Anlässe in der Akademie zu schneidern.
Tigris? Die Tigris?
Natürlich legt das Interesse dieser Figur für Mode nahe, dass es sich bereits hier um jene tigerkatzenhafte Tigris handelt, deren Laden für Fellunterwäsche Cressida im dritten Band der Trilogie in höchster Bedrängnis als Versteck für den kleinen Revolutions-
squad rund um Katniss wählt. Eine jüngere, weniger verstörende Version dieser Tigris gehörte zum festen Repertoire der ersten Hungerspiele, erinnert sich Katniss in „Mockingjay“. Sie war Stylistin, bis sie Präsident Snow sich ihrer – so eine Hinzufügung der filmischen Adaption – entledigt hat, weil sie nicht mehr schön genug war. Die Cousine von Coriolanus Snow hätte sich also in den 64 Jahren, die zwischen den Bänden liegen, von einer Konstante in Snows Leben zu dessen enttäuschter Gegnerin und Anhängerin der Rebellion des Plutarch Heavensbee gewandelt. Apropos Heavensbee: Unter den Mentor_innen zu finden ist ein Hilarius Heavensbee. Sein Tribut ist das Mädchen aus Distrikt 8, Wovery, die es immerhin bis Seite 347 schafft. (Teaser: Puderdose. Rattengift.)

Als kontrapunktisch zur verarmten Elite-Sippe der Snows führt Suzanne Collins die Familie von Sejanus Plinth ein. Sie stammt aus Distrikt 2 und hat durch den Krieg den Aufstieg ins Kapitol geschafft. Auch hier gründet der Reichtum auf einer Waffenfabrik; die aber eben nicht zerstört wurde und nun den Status neu-reicher Zuwanderer garantiert. Sejanus wird zu einer zentralen Figur im Roman, an der sich Coriolanus‘ Handeln beispielhaft abzeichnet. Denn Coriolanus sucht dessen Nähe dort, wo es ihm selbst hilft. So rasch jedoch kann Sejanus gar nicht Distrikt 12 sagen, wie er plötzlich auf die wortwörtliche Abschussliste von Snow gerät, als er von Dingen erfährt, von denen er nichts wissen soll. (Spoiler: Schnattertölpel/Jabberjays, bekannt aus der Arena des Jubel-
jubiläums im zweiten Band der Trilogie, sind vom Kapitol gezüchtete Vögel, die im Krieg als Spione eingesetzt wurden und zu Snows Requisit als Songbirds werden.)
Auch im Sinne ihrer gesellschaftspolitischen Positionierung dienen die beiden als Kontrastfiguren, denn während sich Coriolanus Snow sozusagen musterschülerhaft in die Perfidität von Macht-
spielen einübt und die Frage nach Chaos, Herrschaft und Gesetz zu seinen Gunsten auslegt, stellt Sejanus die Frage nach Recht und Gerechtigkeit, nach Würde und Moral.
Von wem der zukünftige Präsident Snow gelernt haben wird, wenn es darum geht, die Bauern im Schachspiel der Macht in Stellung zu bringen, zeigt sich bei der Zuweisung der Tribute zu ihren Mentor_innen durch Dekan Highbottom. Obwohl er sich selbst als Hoffnungsträger der Akademie sieht, bekommt Coriolanus das am wenigsten prestigeträchtige Tribut zugewiesen: jenes aus Distrikt 12, noch dazu das Mädchen. Noch perfider die Zuteilung für Sejanus Plinth: Er, der aus Distrikt 2 stammt, bekommt das männliche Tribut aus Distrikt 2 zugeteilt. Erst viel zu spät bemerkt Coriolanus, dass Dekan Highbottoms Spielzüge nur einer Regel folgen – jener, die später auch für ihn als Präsident Snow die einzig entscheidende ist: Das Spiel bin ich. Der Dekan sorgt dafür, dass Coriolanus Snow seinen Vornamen nicht ohne Grund mit einer Figur von Shakespeare teilt.
Als stolz und arrogant wird der römische Patrizier Marcius in Shakespeares Theaterstück „The Tragedy of Coriolanus“ samt seinen politischen Ambitionen beschrieben. Mit Raffinesse erobert Marcius die Volsker-Stadt Corioli und wird nicht nur nach ihr benannt, sondern hat auch das ersehnte Amt eines Konsuls vor Augen. Doch Hochmut kommt vor dem Fall: Coriolanus wird verbannt.
Sein literarischer Nachfahre Coriolanus Snow ist gleichermaßen trickreich, wenn es darum geht, die Arena (im übertragenen Sinn) zu erobern. Als trojanisches Pferd dient ihm dabei sein Tribut: Lucy Gray. Bereits beim Reaping zeigt sich, dass hier eine perfekte Performerin ins Spiel gebracht wird. Denn Lucy Gray gehört zu den Covey, einer Art Vagabunden-Volk, das in Distrikt 12 gestrandet ist. Sie ist Mitglied einer Folk-Band und lässt ihr Leben als Singer-Songwriterin zu Balladen werden. Greift dabei aber auch die musikalischen Traditionen von Distrikt 12 auf, sodass prägende, dereinst von Katniss performte Songs zu zentralen Texten des in den Roman eingeschrieben Soundtracks werden. Darunter die unvergleichliche Ballade vom „Hanging Tree“, mit der die beiden Biografien von Katniss und Lucy erzählerisch miteinander verknüpft werden.
Als er Lucy Grays Talent erkennt, wittert Coriolanus Snow Morgenluft. Wird sie mit ihrer Ausstrahlung und Popularität dafür sorgen, dass er, der Mentor, bei den Hungerspielen entsprechend zur Geltung kommt? Wird also Songbird Lucy mit ihrem Naheverhältnis zu Schlangen zu jener Siegerin der Hungerspiele, von der im ersten Band der Trilogie bereits die Rede ist? (Dann verliest [der Bürgermeister] die Liste der letzten Gewinner aus Distrikt 12. In dreiundsiebzig Jahren waren es genau zwei. Nur einer von ihnen lebt noch. Haymitch Abernathy […].) Oder wird Lucy Gray das erste weibliche Tribut aus Distrikt 12 sein, die Snow an seine Grenzen bringt? Wird also erneut ein Songbird zu Snows Verhängnis? Die Spotttölpel (und gemeint sind hier die Vögel) spielen auch im Prequel eine zentrale Rolle und können natürlich nicht losgelöst von Katniss, dem Mockingjay, gelesen werden. Im Vergleich zur Trilogie deutlich erweitert wird hingegen die Geschichte und Rolle der Jabberjays, der Schnattertölpel, die im Sinne des Verrats „singen“. Dieserart sind die (im Original) titelgebenden Songbirds – wie auch die Snakes – motivisch mit beiden Hauptfiguren verknüpft und lassen ein Vexierbild entstehen, auf dem die Dramaturgie des Romans basiert. (Die entsprechende Einzahl im deutschsprachigen Titel verweist darauf leider nicht.)

Die Rollenverteilung scheint also unklar. Zumal man ja Coriolanus‘ Perspektive folgt, der sich selbst als mitleiderregender Erzähler zu inszenieren weiß. Und dennoch auf verlorenem Posten steht. Denn wer würde diesen Roman ohne Kenntnis der ursprünglichen Trilogie lesen? Und sich diesem Ich-Erzähler damit vorurteilsfrei nähern? Man liest Katniss‘ Perspektive auch hier immer mit und erkennt rasch, dass Coriolanus Snow keine Handlung, keine Geste, kein Wort unbedacht setzt. Man folgt einem Ich-Erzähler, der jede Situation scannt, bewertet und seinen Bedürfnissen entsprechend modifiziert. Er weicht zurück, wenn es ihm dient; Empathie entwickelt er nur, wenn sie ihm zum Vorteil gereicht; und bei der geringsten Chance, die eigene Situation zu verbessern handelt er – ohne jede Rücksicht auf andere. Als Rechtfertigung dient ihm dabei das permanente Gefühl, zurückgesetzt zu werden und mit seinen „wahren“ Fähigkeiten nicht genug Beachtung zu finden. Auf perfide Weise wird ihm damit das eigene Selbstbild zur (grausamen) Handlungsmotivation. Er nimmt in dieser Episode I die Abkürzung auf dem Weg zur dunklen Seite der Macht und weiß sie mit dem subversiven Anschein statthafter Überzeugung zu kaschieren: Snow lands on top.

Heidi Lexe
(Mitarbeit: Xandi Hofer)

Weitere Informationen zur STUBE: www.stube.at

Mit herzlichem Dank an die STUBE-Redaktion, die uns die Inhalte zur Verfügung stellt.

 

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