In der Pfingstwoche 2016 führte die Abteilung Geographie zwei Großexkursionen in Deutschland durch. Die östliche Route verlief weitgehend durch die neuen Bundesländer. Neben den Mittelgebirgs-, Eiszeit- und Küstenlandschaften bildeten die Städte Ilmenau, Eisenach, Goslar, Rostock, Berlin und Dresden die wichtigsten Themenstandorte.
An der 10-tätigen Großexkursion vom 12. bis zum 21. Mai nahmen 30 Studierende teil. Diese hatten sich in einem Seminar im Wintersemester 2015/16 intensiv auf die Exkursion in Ostdeutschland vorbereitet, u.a. durch die Erstellung einer Materialiensammlung für die Arbeit vor Ort. Für die Tagesthemen und -standorte während der Exkursion waren jeweils Experten-/Expertinnengruppen verantwortlich. Die Themen und Standorte wurden in Anlehnung an den geographischen Bildungsplan gewählt und vertieften die in den Einführungsveranstaltungen erarbeiteten Teilbereiche der Allgemeinen Geographie an konkreten regionalen Beispielen.
An den ersten beiden Tagen stand der wirtschaftliche Strukturwandel in Thüringen am Beispiel der Standorte Ilmenau und Eisenach im Mittelpunkt. Ilmenau und seine Umgebung im südwestlichen Thüringer Wald ist die Wiege der Laborglasindustrie. Deren Aufstieg und Fall konnte durch den Besuch der Glashütte Fischerhütte nachvollziehbar gemacht werden. Heute fungiert die Technische Universität Ilmenau als Katalysator für die Entwicklung von High-Tech Branchen, z.B. in der Mikroelektronik und der Messtechnik. Nach dem Mittagessen in der Mensa erhielt die Exkursionsgruppe durch die Besichtigung des Fraunhofer Instituts für angewandte Systemtechnik und ein Vakuumtechnik-Unternehmen einen Einblick in die aktuelle Forschungs- und Industrielandschaft Ilmenaus, in der die traditionelle Laborglasindustrie keine große Rolle mehr spielt.
Im Gegensatz dazu konnte Eisenach seinen Status als Automobilstandort durch den Bau eines modernen Montagewerks durch Opel 1992 wahren. Nach dem Besuch der das Opelwerk überragenden Wartburg stand eine Werksführung auf dem Programm. Den Karosseriebau erledigen fast ausschließlich 500 Roboter. Die nach der Lackierung folgende Fertig- und Endmontage durfte die Gruppe hautnah miterleben. Das Besondere am Opelwerk Eisenach ist die Anlieferung fast aller Teile und Module von anderen Opelwerken oder Zulieferunternehmen. Wichtige Blechteile für die Karosserie werden z.B. aus Saragossa in Spanien mit dem Zug angeliefert. Die Logistik für eine sequenzgenaue und hocheffiziente Montage spielt dabei eine immer größere Rolle.
Am dritten Tag beschäftigte sich die Exkursionsgruppe zunächst mit den tektonischen, geologischen und morphologischen Besonderheiten des Harzes als eine nach Südosten einfallende Pultscholle. Im Nordwesten erhebt sich der Harz 300 Meter über sein Vorland und hat dort die dünnbankigen Jura-Sedimentschichten wie die Seiten eines Buches überkippt. Durch den Silbererz-Reichtum des Rammelsberges konnte sich die am Fuße des Harzes gelegene Stadt Goslar zu einer der bedeutendsten mittelalterlichen Städte Deutschlands entwickeln. Dies spiegelt sich auch heute noch im Stadtbild wider. Im Rahmen einer Kleingruppenerkundung begaben sich die Studierenden auf eine selbständige Spurensuche nach den Merkmalen einer mittelalterlichen Stadt.
Nördlich des Harzes beginnt das durch die Eiszeiten geprägte Norddeutsche Tiefland. Vorbei an Schwerin führte die Route nach Rostock. Nach der Erkundung eines Biolandbauernhofes mit Mutterkuh-Viehhaltung im Umland der Stadt erarbeitete die Exkursionsgruppe den Wandel der Hafenfunktionen der Hansestadt Rostock. Die Rolle als Kreuzfahrthafen für die immer größer werdenden fahrenden „Städte auf See“ und als Fährhafen für die skandinavischen Länder wird immer wichtiger. Daneben ist Rostock ein wichtiger Umschlagsplatz für Container und Holz für die Papierindustrie. Sehr eindrücklich durfte die Gruppe die Hafenfunktionen während einer Hafenrundfahrt von Warnemünde zum Stadthafen von Rostock erfahren. Eine Stadtrallye in der Altstadt von Rostock rundete den Standort Rostock ab.
Mit dem Pfingstmontag stand der fünfte Exkursionstag im Zeichen der die Ostseeküsten formenden Prozesse. Im Rahmen von ausgedehnten Wanderungen entlang des Fischlandkliffs und zur Neulandentstehung auf dem Neu-Darss konnten diese Prozesse an idealtypischen Beispielen beobachtet werden. Nach der Erläuterung der Entstehung von Wellen auf der Wustrower Seebrücke wurde die Erosion des Fischländer Kliffs beobachtet. Während die schweren Blöcke aus dem Geschiebemergel des Kliffs auf dem Strand liegen bleiben, werden die leichteren Sande durch küstenparallelen Strandversatz nach Nordosten zum Neu-Darss verfrachtet und bauen dort durch Sandhaken neues Land auf. Nachdem das Meer seine Arbeit verrichtet hat, häuft der Wind den Sand zu Dünen auf, durch die das Land weiter in die Höhe wächst. Der starke Wind ließ eine eindrückliche Beobachtung dieser dynamischen Prozesse zu.
Die Route nach Berlin am sechsten Tag führte zu der Feldberger Seenplatte und dem Eiszeitland am Oderrand. Dort konnten die vier Bestandteile der Glazialen Serie mit Grundmoränen, Endmoränen, Sandern und Urstromtälern als Folge des Vorrückens und Niedertauens des Inlandeises erarbeitet werden. Wie schon am Tag zuvor erfolgte die Erschließung der Standorte durch Wanderungen. Der Ertrag dieser Methode lässt sich durch eine alte Geographenweisheit zusammenfassen: „Was du dir erwanderst unter deinem Schuh, kommt dir im Geiste doppelt zu.“
Standesgemäß übernachtete die Exkursionsgruppe in Berlin im „Humboldthaus“, in dem Alexander von Humboldt nach seinen Forschungsreisen noch mehrere Jahrzehnte lebte. Zentral gelegen bot das Hotel abends nach dem offiziellen Tagesprogramm noch gute Möglichkeiten für die teilnehmende Beobachtung der Exkursionsteilnehmer/-innen. Die Erschließung von Berlin Mitte erfolgte durch drei thematische Rundgänge zur Geschichte, Politik und den Einzelhandel. Mit mehr als 20 Kilometern bewältigte die Gruppe bei abermals freundlichem Wetter an diesem Tag ihre größte Laufleistung.
Der achte Tag führte die Gruppe zunächst in das Niederlausitzer Braunkohlerevier zum aktiven Tagebau von Welzow Süd. Der thematische Bogen spannte sich hier von der Entstehung der Braunkohle über den Abbau und die Kohleverstromung bis zur Renaturierung der zahlreichen offengelassenen Tagebaue. Den Nachmittag verbrachte die Gruppe in der Altstadt von Dresden. Im Mittelpunkt der selbständigen Erkundung durch Kleingruppen stand die Erarbeitung der wichtigsten Baustilepochen. Der nördliche Teil der Altstadt lässt sich als Barockstadt einstufen. Im südlichen Teil überwiegen Plattenbauten aus der DDR-Zeit. Die zum Bahnhof führende Achse der Prager Straße ist als großzügige Fußgängerzone mit Einzelhandelsgroßbauten aus der Zeit nach der Wiedervereinigung 1990 gesäumt.
Der neunte Tag stand wie schon im Harz im Zeichen der Tektonik, Geologie und Morphologie der Mittelgebirgsschwelle. Zunächst bot das Elbsandsteingebirge ganz im Südosten von Sachsen einen mit dem Monument Valley vergleichbaren Formenschatz einer Sandsteinverwitterungslandschaft. Hier wie dort stechen Felsnadeln und Felstürme sowie Tafelberge ins Auge. Auch die Entstehungsbedingungen sind ähnlich. Neben den Großformen ermöglichte ein Rundgang im Basteigebiet auch die genaue Analyse kleinförmiger Verwitterungsprozesse wie der Wabenverwitterung oder Abschuppung. In dem im Westen angrenzenden Erzgebirge wurden zwei Standorte vulkanischen Ursprungs angesteuert. Die 30 Meter aufragenden polygonalen Basaltsäulen am Scheibenberg, die sich wie Orgelpfeifen aneinanderreihen, gelten als Wiege der Geologie in Deutschland. An diesem Standort löste sich im 19. Jahrhundert die Kontroverse zwischen Neptunisten und Plutonisten zugunsten der Plutonisten auf. Sie erklärten die Entstehung von Gesteinen aus einer Schmelze heraus und nicht wie die Neptunisten durch die Absonderung aus Meerwasser.
Der Abschlusstag führte über die Fränkische Schweiz mit ihren rezenten und fossilen Karsterscheinungen sowie über Nürnberg zurück nach Ludwigsburg.